Frau Kuba, gib mal den Zollstock oder Diana, würden Sie mir bitte das Silikon reichen?

„SIE“? oder „DU“??
Zugegeben, manchmal bin ich selbst ein wenig hin- und hergerissen, aber grundsätzlich bin ich ein großer Fan des „Sie“. Zum einen, weil ich es klassisch mag und zum anderen, weil damit auch eine so schöne respektvolle Nuancierungsmöglichkeit einhergeht.

Natürlich – hole ich bei meiner WG im Erdgeschoß ein Paket ab und man ruft mir hinterher oh warten Sie, hier ist noch was, zucke ich schon etwas indigniert zusammen und als mich der Kellner im Cantona einmal siezte, war mir fast der Abend verdorben. Wenn mir allerdings in der Ikea-Warteschleife das aufgeweckte Hej,wusstestDuschon entgegenschallt, finde ich das nicht nur nur mäßig passend, sondern regelrecht übergriffig.

Doch woher kommt das?
Dass man sich einerseits überrumpelt fühlt, wenn man ungefragt geduzt wird und man andererseits es in manchen Situation so gar nicht mag, gesiezt zu werden.

Ich denke, die Leute/die Gruppen, denen man sich im Geiste zugehörig fühlt, verdienen eindeutig auch, dass man von ihnen geduzt wird.
.-)

Doch Spaß beiseite.
Wollen Menschen – abgesehen von mir – überhaupt noch gesiezt werden?

Schließlich heißt es, dass „Du“ assoziert Lockerheit und Freundlichkeit, während das „Sie“ Distanziertheit ausstrahlt und somit wenig persönlich wirkt. Doch ist in Wirklichkeit das „Du“ nicht vielmehr das eigentlich Unfreundliche? Über ein sehr schönes Beispiel dafür bin ich kürzlich in einer Sendung des SWR2 gestolpert:

Da die Grundannahme, dass Du gut sei, nicht in Frage gestellt wird, sieht man nicht, dass das so propagierte Du einen geradezu zwanghaften Charakter annehmen kann, ganz das Gegenteil von dem, was man sich von ihm erwartet. Ich persönlich begegne dem immer wieder in Sprachkursen an der Volkshochschule. Meist wird gleich in der ersten Stunde das allgemeine Du `vereinbart´, oft mit dem Argument, das sei `einfacher´. Warum das Du `einfacher´ sein soll als das Sie hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Gelegentlich gehen dabei die Blicke in meine Richtung, als der Senior, von dem man annimmt, er könne Einwände gegen das Du haben. Die habe ich tatsächlich, aber ich habe natürlich keine Wahl, es sei denn, ich wollte unbedingt die Rolle des ungeliebten Außenseiters einnehmen. Wobei unklar bleiben würde, was meine Weigerung zur Folge hätte: Sollen sich alle duzen und nur ich davon ausgenommen sein? Oder soll mein Veto das Du ganz allgemein zu Fall bringen? In beiden Fällen käme mir die Rolle des Spielverderbers zu.

(Quelle: SWR2: Aula vom 13. Dezember 2020)

Genauso, wie ich das `einfacher´ des Anglisten Dr. Werner Schäfer, von dem diese Worte stammen, ebenso nicht nachvollziehen kann, frage ich mich:

Was bedeutet eigentlich, das „Sie“ sei nicht mehr zeitgemäß?

Wer bestimmt denn, was zeitgemäß ist und was nicht? Nur weil es alle machen, müssen es alle machen? Vielleicht duzen die einen ja nur, weil die wiederum anderen es auch tun? Und fühlen sich gar nicht so wohl dabei. Und merken vor allem nicht, dass das heutige „Du“ nicht minder zur Konvention wird wie das frühere „Sie“.

Man sagt, das Duzen sorgt für Augenhöhe.

Ich fühle mich aber beim Kaffee für unterwegs kaufen gar nicht auf Augenhöhe, wenn ich nach meinem Vornamen gefragt werde. Im Gegenteil – ich fühle mich ein bisschen albern, einer wildfremden Person meinen Vornamen zu nennen, es zeugt von einer Vertraulichkeit, die mir plump erscheint. Ob in Newslettern, in Warteschleifen, in Geschäften – Das „Du“ verordnende Marketing stößt mir eher auf, als dass ich mich ernst genommen fühle.

Es ist ein Eindringling in meine persönliche Kompfortzone (Distanzzone).

Es gehört zum guten Ton, den persönlichen Freiraum eines anderen Menschen zu respektieren. Dieser Freiraum meint jedoch nicht nur die räumliche Umgebung, sondern auch die sprachliche Interaktion. Das „Sie“ erzeugt möglichwerweise eine gewisse Distanz. Es steht aber auch für ebenjenen gegenseitigen Respekt und für Höflichkeit.

Distanzabbau, Unternehmenskultur und Hierarchien

Ich lese vielerorts, das „Du“ helfe, Distanzen abzubauen.
In meinem Fall ist es genau umgedreht – in mir wächst die Distanz, wenn meine Komfortzone nicht gewahrt wird.

Auch sehe ich nicht, dass in Unternehmen, in denen sich alle duzen (dürfen oder sollen), Zusammenhalt und Arbeitsergebnisse automatisch besser- und Konflikte seltener würden.

Man suggeriert eine Nähe, die es möglicherweise gar nicht gibt. Das „Du“ kann falsche Vertrautheit bewirken. Ich finde, man kann sich auch mit einem „Sie“ nah und vertraut fühlen. Und wenn man nach kürzester Zeit merkt, dass einem das Siezen doch nicht so ganz geheuer ist, dann kann man immer noch zum „Du“ wechseln. Das aber ist dann freiwillig initiiert, es hat sich natürlich ergeben und von selbst entwickelt. Es wurde nicht aufdokriert.

Ebensowenig sorgt ein „Du“ für flachere Hierarchien.

Hierarchien sind branchen- oder institutionsabhängig, sie ändern sich nicht mit dem Anredepronomen. Als Beispiel nehme man ein Fußballtraining (Du) und eine Bundestagsdebatte (Sie). In dem einen Beispiel ist der Bundestrainer genauso der Bundestrainer wie in dem anderen Fall die Bundeskanzlerin die Bundeskanzlerin ist.

Und nicht zuletzt: kann man mit einem „Sie“ am Anfang viel gesitteter streiten. Die Gürtellinie sitzt so einfach doch ein bisschen höher.

Und das Resümee?

Es bleibt schwierig.
Das „Du“ oder das „Sie“ muss meiner Meinung nach stets situativ angemessen sein. Ein „Sie“ fühlt sich in manchen Fällen seltsam an, ein pauschales oder angeordnetes „Du“ aber, ich bleibe dabei, macht mich ganz verdreht.

Im Übrigen:

Wußten Sie schon, dass mein Einleitungssatz tatsächlich ein Definitionsäquivalent hat? Das Hamburger Sie nämlich (Diana, würden Sie mir bitte das Silikon reichen?) und das Münchner Du (Frau Kuba, gib mal den Zollstock).
Man lernt nie aus.

In diesem Sinne –
gehaben Sie sich wohl –
Eure Frau Diana

Und warum ich das alles schreibe?
Weil ich neuerdings einen Instagram-Account habe, in dem mir das Siezen tatsächlich ein wenig schwer fällt.
Sage ich ja, man lernt nie aus.
.-O
.-)


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